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Cachedose - Januar 2015

Staufener Risse

Zur Erinnerung: Im Juli 2012 hatten wir den Earth-Cache Staufener Risse besucht und darüber berichtet. Nun sind ein paar Jahre verstrichen und es mag für den einen oder anderen Geocacher von Interesse sein, was sich in dieser Zeit getan hat. Dazu möge ein Artikel beitragen, den wir am 21.01.2015 in der Badischen Zeitung (BZ) entdeckten und den wir hier wiedergeben. Der Artikel beginnt mit einem kurzen Überblick:

Im September 2007 hatten hinter dem Staufener Rathaus Bohrungen zur Nutzung der Erdwärme stattgefunden. Im folgenden Frühjahr gab es erste Risse in den Häusern, deren Ursache aber erst im Herbst geklärt war: Wasser war in quellfähiges Anhydritgestein in 60 bis 100 Meter Tiefe eingedrungen. 2009 versuchte man, durch Verpressen der Bohrlöcher und Absenkung des Grundwassers die Hebung zu stoppen. Doch bisher hat sie sich nur deutlich verlangsamt. Im Extrem hat sich Staufen seither um mehr als 30 Zentimeter gehoben. 270 Häuser sind dadurch beschädigt – auf mehr als 50 Millionen Euro wird der Schaden taxiert, den das Land und die baden-württembergischen Städte zum Teil mittragen wollen.

Wie lange noch müssen die Staufener mit den Rissen in ihren Häusern leben? Der Kern der historischen Altstadt von Staufen hebt sich immer noch – auch mehr als sechs Jahre nach der Geothermiebohrung, die dafür verantwortlich gemacht wird. Inzwischen ist es zwar gelungen, die Hebung im Zentrum auf 2,5 Millimeter im Monat zu verringern. Aber lässt sich diese Rate auf null drücken? Darüber sprach Wulf Rüskamp mit Ralph Watzel, Chefgeologe im Regierungspräsidium Freiburg.

BZ: Herr Watzel, der Untergrund in Staufen ist immer noch nicht zu Ruhe gekommen, die Verzweiflung der Menschen dort wächst. Haben Sie eine gute Botschaft für sie?

Watzel: Die gute Nachricht ist: Die Geschwindigkeit der Hebung hat sich seit 2009 von elf Millimeter auf zweieinhalb Millimeter pro Monat verringert. Doch dieser Fortschritt stoppt seit einiger Zeit. Und man muss sagen: Zweieinhalb Millimeter sind zweieinhalb Millimeter zu viel. Deshalb versuchen wir mit einem dritten Tiefbrunnen, auch diese Hebung noch zu stoppen.

BZ: Ist das die Lösung – oder nur ein Versuch mit offenem Ausgang?

Watzel: Es wurden am Anfang auf der Basis des breiten Sachverstands von Behörden und Fachfirmen die unterschiedlichsten Sanierungstechniken durchgespielt und anhand eines Kriterienkatalogs bewertet – mit dem Ergebnis, das zwei übrig geblieben sind: das nachträgliche Verpressen der Erdwärmesonden-Bohrungen zum einen, die Absenkung des Grundwassers in dem betroffenen Bereich zum anderen. Die Wasserhaltung, zu der wir uns entschieden haben, war erfolgreich, aber noch nicht hinreichend, deshalb wird die Maßnahme noch ausgeweitet.

BZ: Können Sie den Menschen versprechen, dass danach die Hebung von 2,5 auf null geht?

Watzel: Wir können nichts versprechen – außer dass wir unser Know-how einbringen und unverändert offen sind für weitere fachkundige Vorschläge, wie dieses Problem zu lösen ist. Was bisher an Anregungen vorgebracht wurde, hat den Prüfkriterien nicht standgehalten.

BZ: Wenn der Einsatz der drei Brunnen erfolgreich ist – müssen die dann für alle Zeit laufen?

Watzel: Die Brunnen sind eine aktive Sicherungsmaßnahme, die nur so lange wirkt, wie sie läuft. Es gibt aber einen positiven Aspekt: Es kommt immer weniger Wasser in den Brunnen an. Das heißt: Das lokale Grundwasserreservoir, das abgesenkt wird, scheint leerzulaufen. Es kommt nicht so viel Wasser nach, wie herausgepumpt wird, so dass auf Dauer die Pumpleistung geringer wird.

BZ: Es gibt den verständlichen Wunsch mancher Staufener, das geologische Problem, das die Stadt da in ihrem Untergrund hat, einfach wegzuräumen.

Watzel: Es wäre theoretisch denkbar, das quellfähige Gestein bergmännisch auszuräumen, also mit Bergwerk und Förderschacht. Aber den dann entstehenden relativ großen Hohlraum – wir sprechen über mehrere hunderttausend Kubikmeter – muss man hinterher wieder verfüllen, um die Standfestigkeit herzustellen. Darüber hinaus würde ein richtig großer Baubetrieb mitten in der Stadt entstehen, der auch zu einer weiteren Gefährdung der Gebäude führen würde. Bei realistischer Abwägung ist das nicht machbar.

BZ: Lässt sich die Quellfähigkeit des Gesteins nicht mit chemischen Mitteln bekämpfen?

Watzel: Das gehörte am Anfang zu den Handlungsoptionen. Spezialfirmen haben uns gesagt, dass auch solche Stoffe über die Jahre hinweg abgebaut werden – und dann steht Staufen wieder vor dem gleichen Problem mit dem Grundwasser.

BZ: Die Ursache der Rissekatastrophe ist für Sie aber klar ...

Watzel: Auf fachlicher Ebene wurde festgestellt, dass die Abdichtung mindestens eines Erdwärmesonden-Bohrloches technisch nicht gelungen ist. Ob dabei ein Verschulden vorliegt, das haben Juristen zu bewerten.

BZ: Die gesamte Geothermiebranche redet und klagt über Staufen. Kann sie von Staufen auch lernen?

Watzel: Der Schadensfall in Staufen hat die Erfordernis sorgsamer Planung und sachgerechter Bauausführung in besonderer Weise verdeutlicht. Die dort gewonnen Erkenntnisse, das Verständnis der geologischen Prozesse, die Techniken zur Erkundung und zur Sanierung sind exemplarisch entwickelt worden. Bei nachfolgenden Schadensfällen wie etwa in Rudersberg bei Schorndorf oder Böblingen hat man davon profitiert.

BZ: Staufen war für Sie also völliges Neuland ...

Watzel: Einen Schadensfall von diesem Zuschnitt, in dieser Konstellation wie in Staufen haben wir in der Tat zum ersten Mal erlebt. Das hatte die Fachwelt nicht auf ihrem Radarschirm, das hat uns, aber auch alle anderen überrascht. Es gab bis dahin einige hundert Erdwärmesonden-Bohrungen in vergleichbaren geologischen Situationen, bei denen nichts dergleichen passiert ist.

BZ: Jetzt sagen manche in Bayern: Bei uns gibt es jede Menge Bohrungen für die Geothermie, und da hat es nie Probleme gegeben, obwohl die Geologie ähnlich ist wie in Baden-Württemberg. Macht man hierzulande etwas falsch?

Watzel: Bayern hat das strenge Kriterium, spätestens an der Basis der ersten Grundwasserschicht mit dem Bohren aufzuhören. Dadurch fallen viele Bereiche mit quellfähigem Gestein heraus, weil sie unterhalb dieses ersten Stockwerks liegen und damit gar nicht erreicht werden. In Baden-Württemberg hatte man 2011 ganz kurze Zeit ebenfalls untersagt, weiter als das erste Grundwasserstockwerk zu bohren – aber dadurch war in weiten Teilen des Landes wegen der geologischen Verhältnisse eine wirtschaftliche Erdwärmegewinnung nicht mehr möglich. Denn das oberste Grundwasserstockwerk reicht in Baden-Württemberg nur wenig Zehner-Meter unter die Oberfläche – in Bayern sind es in weiten Teilen 100 und mehr Meter.

BZ: Und wann wird Staufen wissen, dass der dritte Brunnen sein Ziel, nämlich die Hebungsrate auf null zu bringen, erreichen wird?

Watzel: Der Brunnen wird voraussichtlich Ende Februar, Anfang März in Betrieb gehen können. Danach sind drei, vier Messzyklen mit jeweils drei Monaten Abstand erforderlich, wobei es messtechnisch zunehmend schwieriger wird, die immer kleineren Veränderungen zu erfassen. Es wird wohl Frühjahr 2016 werden, bis verlässliche Daten vorliegen. Ob daraus dann belastbare Prognosen zu gewinnen sind, das kann ich Ihnen aber nicht sagen.

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Ralph Watzel leitet seit 2006 das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau im Regierungspräsidium Freiburg. Als Professor für Grundwasserhydrologie lehrt er an der Universität Freiburg.
© Badische Zeitung; Text abgegriffen am 22.01.2015

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Soweit der Artikel der BZ. Unser Kommentar: Durch den Betrieb der dritten Pumpe zur dauerhaften Absenkung des Grundwassers an der Störstelle wird wohl in absehbarer Zeit die Hebung gestoppt. Trotzdem bleibt das ungute Gefühl, dass dieser betroffene Teil Staufens - immerhin 270 Häuser im historischen Kern dieses wunderschönen Städtchens - von diesen drei Pumpen abhängig sein wird.

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Letzte Änderung: 30.01.2015